Historisches Abenteuersetting
Man schreibt das Jahr 2020, als Jackie Goodwyns Großmutter Anne im Alter von 72 Jahren überraschend verstirbt. Daraufhin muss Jackie, die Besitzerin der familiären Mango-Gin-Destillerie in Nordamerika, notwendig für die Auflösung des Haushaltes sorgen, mit dem sie intensive Kindheitserinnerungen verbindet. Wehmütig und zögernd macht sie sich ans Werk. Dabei fällt ihr Blick auch wieder auf einen uralten Sekretär, das „Monster“, in dessen Geheimfach ihre Großmutter früher immer – weil Jackie das Fach als pfiffiges Kind natürlich entdeckte – eine Tafel Schokolade versteckte.
Nun enthält das Geheimfach allerdings ein echtes Geheimnis – einen alten gebundenen Band mit biografischen Erinnerungen … ein Familientagebuch, beginnend mit dem Jahr 1720! Zunehmend ungläubig liest Jackie sich in den Lebenserinnerungen ihrer Ahninnen fest, die allen Ernstes auf die Piratin Anne Bonny zurückgehen. Und damit versinkt der Leser von Seite 16 bis 120 in dem, was man strukturell eine „Geschichte in der Geschichte“ nennt.
Die reale Piratin Anne Bonny, deren Vita – soweit man sie rekonstruieren kann – von der Autorin im Anhang referiert wird, machte tatsächlich die Karibik im frühen 18. Jahrhundert unsicher, gemeinsam mit ihrem Liebhaber Calico Jack. Doch im Gegensatz zu ihm kann sie dem sicheren Tod am Galgen entrinnen und sich schließlich mit ihrem kleinen Sohn nach Florida durchschlagen. Hier taucht sie, steckbrieflich gesucht, in der Wildnis unter. Stößt auf indigene Einheimische und Sklavenjäger, gibt sich schließlich als Beraubte aus und findet 1721 Zuflucht in Hillsboro.
Und hier entwickelt sie dann inkognito das Rezept des legendären Caligo-Gins. Aber das ist erst ein Teil der sehr unterhaltsamen und kurzweilig zu lesenden Geschichte …
Es ist ein wenig knifflig, den Roman einem klaren Genre zuzuordnen. Im Kern ist es ein historischer Roman, ummantelt von einer vergleichsweise schlichten Gegenwartshandlung.
Die stimmungsvollen Illustrationen von Julius Maxim, die explizit für den Roman geschaffen wurden, machen zentrale Punkte der Romanhandlung schön nachvollziehbar. Schön herausgearbeitet werden auch die Schwierigkeiten, die Anne Bonny als Frau in einer Gesellschaft hat, die stark maskulin geprägt wird – aber ebenso wird sie als durchsetzungsstarke Persönlichkeit charakterisiert, die einfallsreich die Klippen des Schicksals umschifft. Man mag zwar gerade in der hinteren Hälfte vielleicht monieren, dass ein Antagonist gar zu schematisch geraten ist, aber ich fand, dass das kein ernsthaftes Manko ist.
Wer gern mal in ein historisches Abenteuersetting dieser Art eintauchen möchte und vielleicht anschließend Interesse am realen Caligo-Gin findet … nun, es gibt das Getränk augenscheinlich real. Ich finde daran nichts, fühlte mich ansonsten aber solide unterhalten. Gern hätte ich natürlich noch mehr über den Ideengeber Aleks Vulic erfahren, auf den diese Geschichte augenscheinlich zurückgeht, aber darüber schweigen sich Verfasserin und Verlag aus … vielleicht gibt es dafür gute Gründe, wer mag es schon sagen?
Alles in allem gibt es von mir jedenfalls eine klare Leseempfehlung.
Rezension von Uwe Lammers
Mara Laure, Das Geheimnis des Caligo-Gins
Originalausgabe (2024)
Verlag: Tredition (Heinz-Beusen-Stieg 5,22926 Ahrensburg)
Übersetzung: n/a
Format: Hardcover
Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsdatum: 17. November 2024
ISBN: 978-3-384-42440-2
Preis: € 19,90
